Oman: Land des Weihrauchs und Heimat Sindbads

Verfasst am 9. Januar 2013 von Matthias Brockmann

Reisebericht über eine Expedition in die omanischen Wüsten Wahiba und Rub al-Khali

Das Sultanat Oman, fast so groß wie die Bundesrepublik, jedoch nur mit 2,7 Mill. Einwohnern, besteht zum größten Teil aus Wüste. “Was willst du denn da? Da gibt es doch nur Sand, Sand, Sand.” Freunde schüttelten den Kopf, als sie von meinen Reiseplänen hörten. 17 Tage Oman, davon 12 Tage mit einheimischen Führern und Autos, Schlafsack und Isomatte in den beiden Wüsten Wahiba-Sands und Rub al-Khali. Schlafen unter freiem Himmel. Einige Monate später brach ich zu einer weiteren Reise in die Rub al-Khali auf. Vier Frauen und drei Männer aus der Schweiz und Deutschland bilden die Reisegruppe, vertrauen sich erwartungsvoll den beiden omanischen Führern Ibrahim und Yachya an. Zwei Hotelübernachtungen und Fahrten zu den Sehenswürdigkeiten von Masqat und Umgebung, dazu der abendliche Bummel auf der Promenade und durch die Ladengassen des Souk, liegen hinter uns, als es endlich auf der Küstenstraße nach Süden geht.

Foto: © Matthias Brockmann

Die erste Übernachtung im Freien ist im Gebirge auf 1.400 Meter Höhe geplant. Doch Wolken liegen über der Gebirgskette. “Falls es regnet”, so Ibrahim, “ist es zu gefährlich.” Wir bleiben unten am Meer. Mit Badesachen unternehmen wir einen Spaziergang in einen Wadi. Nach wenigen Metern öffnet sich eine Felsschlucht und ein kleiner See lädt zum Baden ein. Schwimmen, herrlich in diesem warmen, weichen Wasser. Später am Strand wird das Lager aufgeschlagen, eine große Matte mit Sitzkissen, daneben das Lagerfeuer, um Tee und Kaffee zu kochen. Wir schwärmen aus, um uns den persönlichen Platz mit “Schnarchabstand zum Nachbarn” für die Nacht zu suchen. Zelte benötigen wir nicht. (Sie blieben die ganze Fahrt über auf dem Dachgepäckträger.) Lieber mit Blick auf den strahlenden und blinkenden Sternenhimmel einschlafen. Eine windgeschützte ebene Fläche muss es sein und weichsandig, damit es im Schlafsack auf der Isomatte bequem ist. Ein Ritual, dass sich in den nächsten 12 Tagen immer wieder wiederholen wird. Nur das Morgenbad im Meer wird entfallen.

Durch die Wahiba-Wüste zum Indischen Ozean

Ibrahim und Yahia

Wir überqueren das Hajar Gebirge, durchqueren die Wahiba Sands, eine flache hellsandige Wüste, lernen erste Tricks. Ein dürrer, blattloser Baum wird gesucht, ein Gurt um einen dicken Ast geschlungen, das andere Ende ans Auto gebunden. Ein kurzer Ruck, der Ast ist ab. Dann mit dem Wagen ein paar Mal über den Ast gefahren, Holzhacken auf omanische Art. Die nun armlangen Holzscheite für das abendliche Lagerfeuer werden aufs Dach geladen. Wenige Meter weiter eine Reifenpanne. Wagenheber, Schrauber, Rad abmontieren, Loch suchen, flicken, mit dem Kompressor Luft auffüllen, Rad anschrauben, das Werkzeug verstauen und weiter geht es. Ohne Hektik sind gerademal 15 Minuten vergangen, absolut keine Zeit in der Wüste, kommt einem vor wie ein Wimpernschlag, länger nicht. Der Führungswagen bleibt im Sand stecken. Es gibt Gurte zum Herausziehen mittels des 2. Wagens. Es gibt Sandbleche, es gibt Allradzuschaltung und es gibt Hände. Vor dem Rad, dass sich nicht dreht, wird mit den Händen Sand weggescharrt, vorsichtig Gas gegeben und … weiter geht es. Bis zum nächsten Festsitzen.

In den ersten Tagen sind wir nahe kleiner Siedlungen am Indischen Ozean. Nach dem Finden eines geeigneten Lagerplatzes außerhalb, fahren wir die 5 oder 10 Kilometer zurück in eine Siedlung, um dort in einem kleinen Restaurant zu Abend zu essen. Falls auf der Toilette eine Dusche ist, nutzen wir nacheinander die Gelegenheit, den Sand aus den Haaren zu spülen und fühlen uns danach wie neu geboren.

Wüstenalltag mit im Sand gebackenem Brot

Picknickvorbereitung in der Wüste (Foto: © Matthias Brockmann)

Die Tagesabläufe in den Wüstentagen gleichen sich. Aufstehen, recken, umschauen, die Luft tief einatmen. Zum Lagerplatz gehen, dort haben die beiden Omanis schon Tee und Kaffee gekocht. Das opulente Frühstück einnehmen, die Sachen zusammen packen, zu den Autos bringen, Schwätzchen halten. Hektik ist uns inzwischen ein Fremdwort. Ibrahim weist die Richtung und wir wandern gemächlich los. Eine Stunde später nehmen uns die Autos auf und weiter geht`s durch die grandiose Wüstenlandschaft. Mittags wird im Schatten eines Baumes oder unter dem zwischen den beiden Wagen schnell aufgespannten Sonnensegel gerastet. Tomaten, Karotten, Kopfsalat werden gewaschen und klein geschnitten, dazu Thunfisch aus der Dose und Käse gegeben, mit Olivenöl, Salz und Pfeffer gewürzt. Siesta mit Obst und Salat. Die Teller “spülen” wir mit Sand. Gegen 17 Uhr werden die Autos abgestellt, das Lager bereitet, Feuer gemacht, Tee oder Kaffee getrunken, erzählt. Wer mag, wandert auf einer der großen Sanddünen. Alle mögen, auch wenn 160 Höhenmeter im losen Sand wahrlich kein Spaziergang sind. Ein Schritt vor und hoch und einen halben wieder zurück nach unten gerutscht. Aber diese Aussicht, sie entlohnt alle Mühen. Die beiden Omanis kneten derweil Teig, frisches Brot muss gebacken werden. Die flachen Rundlaibe werden zuerst in die Glut gelegt, dann damit bedeckt, nach wenigen Minuten gewendet, kurz darauf in den Sand gelegt, damit bedeckt. Zum Schluss werden die schwarzen Stellen abgeklopft und fertig ist das leckere Wüstenbrot. Und der Wasserverbrauch? 30 Liter Wasser für 9 Personen pro Tag. Mehr als genug zum Trinken, Kochen und Zähneputzen. Ibrahim bereitet das Abendessen, sehr einfallsreich und lecker. Danach liegen oder sitzen wir weiter zusammen auf der Bodenmatte, erzählen, spielen, lachen oder träumen vor uns hin.

Von den beiden Omanis erfahren wir viel über ihr Land und ihre Kultur. Ich würde gerne eine dishdasha anziehen, das praktische traditionelle lange Gewand aus weißer Baumwolle mit dem besticken Kragen und der kleinen in Parfüm getauchten Quaste, mir den muzzar um den Kopf wickeln. Doch nur Omans dürfen die Tracht tragen, Fremde werden dafür bestraft. Immer, ob im Alltag oder bei wichtigen Anlässen, tragen die Omanis Sandalen, die darf ich auch tragen. Den khanjar (am Gürtel getragener silberner Krummdolch), den sie zu Feierlichkeiten anlegen, allerdings nicht.

Geschichten und Witze, Erlebnisse und Berichte früherer Reisen werden am Feuer erzählt. Wir sind im Land des Weihrauchs und der Heimat Sindbads. Es werden Scherze und kleine Streiche getrieben. Selten habe ich so viel gelacht. Gegen 22 Uhr verlassen die ersten das Lager, um zu ihrem Schlafplatz zu gehen, in den Schlafsack zu kriechen und einen letzten Blick hoch zum fantastischen Sternenhimmel zu werfen.

In der Rub al-Khali

Rub al-Khali (Foto: © Matthias Brockmann)

Endlich die Rub al-Khali, die größte zusammenhängende Sandwüste der Welt. “Leeres Viertel” wird sie auch genannt. Nur einige Beduinen leben dort mit ihren Ziegen und Kamelen. An einer Tankstelle werden die Wasser- und Dieselvorräte aufgefüllt. Beide Autos und die Reservekanister vollgetankt, 540 Liter Diesel zeigt die Anzeige der Zapfsäule an. Eine halbe Stunde später sind wir wieder weit weg von jeglicher Zivilisation. Hohe rotsandige Dünen türmen sich auf. In den nächsten Tagen fahren wir zwischen ihnen hindurch, suchen immer wieder feste Sandflächen, um über die Sättel zwischen den Hochdünen fahren zu können. Oft geht es 50 m steil hinauf und auf der anderen Seite entsprechend wieder hinunter. Manchmal steigen die beiden Führer aus, erkunden zu Fuß die Gegend, um den richtigen, festen Weg zu finden. Eine langsame, kurvige Fahrerei im Länderdreieck Oman, Saudi Arabien und Jemen. Immer wieder bleibt ein Auto im Sand stecken. Einmal gelingt es erst mit dem 10. Anlauf über einen Sattel gekommen. Wir Mitteleuropäer sind freudig erregt, feuern die beiden Fahrer an, lästern zwischendurch, steigen aus, versinken barfuß im weichen Sand, laufen darin herum, fotografieren das “Spektakel”, begeistern uns an den grandiosen Ausblicken auf hohe Dünen und weite Ebenen zwischen ihnen.

Eine große Überraschung zeigen uns die beiden Führer. Eine grüne Grasfläche und ein Wasserbecken. Hier wurde eine über 1.000 km lange in 400 m Tiefe verlaufende Wasserader angebohrt und verrohrt. Neben dem Rohr mit Ventil und Schlauch ein großes Kunststoffbecken als Tiertränke. Klares Wasser, auf dem Beckenboden aber eine 10 cm dicke eklige, schwarze Schlammschicht. Also Wasser heraus schöpfen, den Schlamm entfernen, neues Wasser hinein laufen lassen. Und danach? Inzwischen Nacht geworden, liegen wir im frisch eingelaufenen 37 °C warmen schwefelhaltigen Wasser und genießen den Blick auf den herrlichen Sternenhimmel.

Wir finden kleine “Steinkugeln”, sogenannte Geoden, vor vielen tausend Jahren im Vulkanismus entstanden, unscheinbar, nicht sehr dekorativ. Als Ibrahim eine an der Hängerkupplung aufschlägt, uns die weißen Kristalle entgegen leuchten, sind wir fasziniert und sammeln eiligst einige ein. Doch was machen wir mit den vielen anderen? Mit ihnen spielen wir mehrere Partien Boule mitten im Wüstensand. Man hat viel Zeit in der Wüste.

In der letzten Wüstennacht bekommen wir Besuch. Mehr als 70 Kamele (richtiger wäre der Begriff Dromedar, doch die Omanis benutzen diesen Begriff nicht, für sie sind es Kamele) kommen neugierig an unser Feuer. Rufe und kurze Armbewegungen vertreiben sie schnell von unseren Schlafsäcken.

Nach den Tagen und Nächten in der Wüste nähern wir uns der Zivilisation, freuen uns auf ausgiebiges Duschen im Hotel in Salalah und Baden im Indischen Ozean. Der abendliche Bummel über den Souk, ein vielschichtiges Gemisch der wohlriechenden Düfte Arabiens wabert durch die engen Gassen, vor allem Weihrauch, dieses getrocknete Baumharz, dass früher wie Gold gehandelt wurde, ist der Abschluss der erlebnisreichen Reise.

Unser herzlicher Dank an den Autor und Mitreisenden für diesen tollen Reisebericht!

Sie möchten gern selbst in die Rub al-Khali? Dann schauen Sie sich doch die Reiseroute, die Matthias Brockmann so lebendig beschreibt, mal auf unserer Tourenkarte an:

Alle Fotos dieses Artikels: © Matthias Brockmann

2 Kommentare zu „Oman: Land des Weihrauchs und Heimat Sindbads“

  1. Lisa sagt:

    Hallo Rudi. Freut uns, dass du immer noch an deine Zeit in Oman zurückdenkst und so eine tolle Reise hattest.

  2. Rudolf Kumeth sagt:

    War wirklich eine tolle Reise mit den beiden.
    Herzlichste Grüsse an Ibrahim und Yahia.
    Rudi (Achmed)

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