Jemen: No Qat Day

Verfasst am 20. April 2012 von Lorenz Töpperwien

Mit Social-Media-Kampagnen gegen den Qat-Konsum

Kaffee und Jemen waren einmal ein- und dasselbe, über den Hafen von Mokka (al-Mokha) exportierte das Land am Golf von Aden eine ganz neue Lebenskultur. Heute tendieren die jemenitischen Kaffeexporte gegen Null. Dafür wächst auf den Terrassenfeldern immer mehr Qat. Als eine Art Kautabak blähen seine Blätter Tag für Tag die Wangen der Jemeniten auf und sind auch sonst aus dem Alltag nicht wegzudenken. Das will nun die Kampagne No Qat Day ändern. Dafür gibt es gute Gründe (wie u. a. das BBC-Video weiter unten zeigt).

An der Spitze der Bewegung steht die aktuell in Libanon lebende Politikberaterin und Bloggerin Hind Al-Eryani, eine Aktivistin des Arabischen Frühlings, die sich 2011 durch ihr besonderes Engagement für den Rücktritt des “ewigen Präsidenten” Ali Abdullah Saleh hervortat. Anfang dieses Jahres rief sie über ihren Twitter-Account den 12. Januar zum No Qat Day aus und stieß damit auf erstaunlich viel Resonanz, speziell unter ihren jungen Landsleuten. Am 12. April folgte der zweite No Qat Day, auch er fand viel Gehör. Nächstes Etappenziel der Online-Aktivisten ist ein landesweites Verbot des Qatkonsums in allen Büros der öffentlichen Verwaltung.

Mittlerweile stellen sich selbst hochrangige Politiker aus der Hauptstadt Sana’a hinter die Bewegung. So hat der Informationsminister Ali al-Amrani alle Medien ausdrücklich aufgefordert, über die Kampagne zu berichten. Schulen im ganzen Land organisieren Aufklärungsaktionen, nachdem Bildungsminister Dr. Abdel-Razaq al-Ashwal sie dazu ermuntert hatte.

Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass noch vor 40 Jahren ein jemenitischer Premierminister den Hut nehmen muste, weil er Staatsbeamten das Qatkauen verbieten wollte. Tatsächlich hätte ein flächendeckendes Qatverbot unvorhersehbare Folgen für das Land. Das liegt nicht nur daran, dass die nachmittägliche Qatrunde fester Bestandteil der jemenitischen Kultur ist – als soziales Get together ebenso wie als informeller Rahmen für Geschäftsabschlüsse und sogar politische Entscheidungen. Vielmehr hängen daran die Existenzen Tausender jemenitischer Familien.

Qat-Terrassen im jemenitischen Hochland

Qat-Terrassen im jemenitischen Hochland

In einem BBC-VBideo zum Thema (s. u.) fasst ein Qatbauer die Situation anschaulich zusammen: “Kaffee ist gut, weil wir ihn lagern können. Qat dagegen müssen wir noch am Tag der Ernte verkaufen. Aber derKaffeepreis auf dem Weltmarkt fällt stetig. Die Bauern hassen das, sie sind dieser Entwicklung hilflos ausgeliefert. Deshalb bauen sie beides an, Kaffeee und Qat. Wenn wir Qat nicht hätten, könnten wir nicht überleben!

Rund 90 Prozent der jemenitischen Männer und die Hälfte der Frauen kauen regelmäßig Qat. Die in den Blättern enthaltenen Amphetamine haben eine aufputschende Wirkung und werden von der WHO als „mäßig suchtgefährdend“ eingestuft. Die Gesundheitsgefährdung liegt aber nicht so sehr im Abhängigkeitspotential der Droge, sondern in den krebserregenden Pestiziden, mit denen die Pflanzen besprüht werden. Überdies belastet Qat den Geldbeutel: Manche Haushalte geben ein Drittel des Familieneinkommens für das Rauschmittel aus, eine Portion kostet je nach Qualität zwischen 50 Cent und 15 Euro.

Noch viel schwerwiegender ist der ökologische und volkswirtschaftliche Schaden. Der Qatanbau ist für die Bauern lukrativ und hat Kaffee, Gemüse und Getreide weitgehend verdrängt, was dazu führt, dass der Jemen immer mehr Grundnahurngsmittel einführen muss. Die Zahlen, die der frühere Agrar- und Fischereiminister Dr. Nasser Abdullah al-Aulaqi 2012 in einem Beitrag für den Yemen Observer nennt, zeigen die Misere noch eindringlicher: Mit Qat kultivierte Flächen sind von weniger als 10.000 Hektar in den 1970er Jahren auf 146.810 Hektar im Jahr 2008 gestiegen (das sind knapp zehn Prozent der jährlichen Gesamtanbaufläche). Die Bewässerung der Qatfelder verbraucht fast 30 Prozent des zur Verfügung stehenden Grundwassers. In Anbau und Vertrieb der Qatpflanzen arbeiten rund 500.000 Beschäftigte, das entspricht 16 Prozent der Arbeitnehmer im ganzen Land.

“Die Jemeniten”, sagt die Bloggerin Afrah Nasser, “haben es geschafft, den früheren Präsidenten Saleh aus dem Amt zu jagen. Ob sie auch dem Qat den Garaus machen, bleibt abzuwarten”.


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