Nouruz in Zentralasien

Was ist Nouruz? Wie feiern die Menschen Nouruz in Zentralasien? Kann ich da mitfeiern? Lernen Sie hier die spannenden Bräuche und Sitten zum Fest kennen. Erfahren sie mehr über die Hintergründe von Nouruz.

Der ganze Tisch ist voll. Denn eine ungewöhnliche Sammlung an verschiedenen Dingen liegt und steht dort herum. Es sind Münzen, Äpfel, ein Tiegel voll mit persischem Gewürz, Hyazinthen, Knoblauch, Weizenkörner und Essig. Außerdem sehe ich dort sieben Teller und Schüsseln mit verschiedenen Speisen, sowie einen Spiegel, eine Kerze und den Koran. Mein iranischer Gastgeber Reza zeigt der Reihe nach auf all die Dinge und benennt sie: Sekke, Sib, Sir, Sombol… Obwohl es sehr verschiedene Dinge sind, haben sie eines gemeinsam. Alle Bezeichnungen beginnen mit dem persischen „S“. Denn es ist Nouruz und er zeigt mir die „Haft Sin“. Dies sind die sieben Dinge und Speisen, die an diesem wichtigen Feiertag in allen Familien Irans zubereitet werden.

Warum feiern die Menschen Nouruz?
Nouruz ist das persische Neujahrs- oder Frühlingsfest. Deshalb findet es am 20. oder 21. März statt. Die genaue Berechnung basiert auf dem Eintritt der Sonne in das Tierkreiszeichen des Widders. In Deutschland wird der Tag stattdessen als Frühlingsanfang oder Tag-und-Nachtgleiche bezeichnet. Durch diese astronomische Basis variiert das Datum von Jahr zu Jahr. Die Perser nehmen es noch genauer, denn sie berechnen auch die exakte Uhrzeit des Neujahrbeginns.

Am letzten Dienstagabend des alten Jahres hat Reza mit seiner Familie das „Mittwochsfeuer“ entzündet, damit sie über die lodernden Flammen springen können. Dies tun sie, weil sie glauben, das Alte und Negative des vergehenden Jahres hinter sich zu lassen. Außerdem soll der Sprung über das Feuer Glück und Lebensfreude im neuen Jahr bringen. Es ist ein offizieller Feiertag, an dem niemand in Iran zur Schule gehen oder arbeiten muss.

Zoroastrische Kultstätte

Ethymologie und Rechtschreibung?
Die wörtliche Übersetzung von Nouruz heißt „Neuer Tag“. Es setzt sich zusammen aus „ruz“, „roc“ bzw. „roj“ („Tag in verschiedenen iranischen Sprachen) und „nava“ für „neu“. Der uns heute bekannte Begriff „Nouruz“ wurden zum ersten Mal im 2. Jahrhundert erwähnt. Weil das Fest in vielen Ländern gefeiert wird, gibt es verschiedene Schreibweisen: Nouruz (persisch ), DMG Naurūz, Newroz / Nowruz (kurdisch ‌), Nevruz (türkisch).

Die Tradition des Festes entstand vor über 2000 Jahren. Es wurde zuerst in der „Awesta“ erwähnt. Die „Awesta“ ist das heilige Buch des Zoroastrismus, der ursprünglichen Religion der Perser. Damals war die Verbreitung des Nouruz-Festes auf Persien beschränkt. Später haben sich die Bräuche aber auch in den einst heidnischen Gebieten Zentralasiens ausgebreitet. Heute begehen Menschen die Feierlichkeiten auch in Staaten wie Kirgistan, Usbekistan, Türkei, Tadschikistan, Pakistan, Afghanistan, Kasachstan, Turkmenistan sowie in südosteuropäischen Ländern wie Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Rumänien, Griechenland und Moldau. Dort erhalten sich die türkisch-osmanischen Ethnien die Feierlichkeiten. In einigen Ländern ist an Nouruz in Zentralasien schul- und arbeitsfrei, denn es ist ein offizieller Feiertag. In anderen Staaten feiert die Bevölkerung trotzdem.

Oft wird ein Schaf geschlachtet zu Nouruz in Zentralasien und Persien.

Auf ihrem Weg von Persien nach Zentralasien und Südosteuropa haben sich die Sitten und Bräuche verändert. Innerhalb Zentralasiens sind sie jedoch trotz der weiten Distanzen sehr ähnlich. Ein weit verbreiteter und wichtiger Brauch ist das Kochen von Sumalak oder Sömölök (Kirgistan). Dies ist ein sehr lange gekochter Brei aus Weizen und Mehl. Je nach Region kommen Wasser, Butter, Zucker oder Öl hinzu. Auch die Kochzeit ist regional unterschiedlich. Meist beträgt sie 24 Stunden. In dieser Zeit wird viel getanzt und gesungen. Die Menschen sind der Überzeugung, dass Sumalak physische und geistige Kräfte stärkt.

Der Brauch geht auf eine alte Sage zurück. Sie ist in Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan in gleicher Form bekannt. Eine arme alte Frau konnte ihre Kinder nicht mehr ernähren. Darum kochte sie en ihrer Not Kiesel, Wasser und Weizenkörner in einem Kessel. Dabei schlief sie ein und das Gemisch kochte deshalb die ganze Nacht über. Als die Frau am nächsten Tag erwachte, fand sie im Kessel einen sättigenden Brei vor. Der bewahrte nicht nur ihre Kinder vor dem Hungertod, sondern konnte auch Nachbarn und Freunde ernähren. Deshalb wird Sumalak heute nicht nur in der eigenen Familie gegessen, sondern auch bereitwillig unter Freunden und Nachbarn verteilt. Auch Steinchen werden in Usbekistan mitgekocht. Wer eines infolgedessen findet, hat im bevorstehenden Jahr besonders viel Glück. Wenn Sie Nouruz in Zentralasien selbst miterleben wollen, dann schauen Sie sich unsere an.

Es kann anstrengend sein, Gäste zu bewirten.

Politische Symbolik
In der Türkei und der Sowjetunion war das Nouruz-Fest einst verboten. Ziel dieser Verbote war das Einschwören der Bevölkerung auf die jeweilige Staatsideologie. Heutzutage revitalisieren die Bewohner der ehemaligen Sowjetrepubliken alte Traditionen. Somit nehmen die Festivitäten zu Nouruz in Zentralasien wieder zu. Ebenso fördert die türkische Regierung das Fest mit Unterstützungsgeldern für das Durchführen dieser Feierlichkeiten. Im Gegensatz dazu wird Nouruz in Zentralasien manchmal zur Propaganda für die Erhaltung der landestypischen Kultur genutzt. Anno 2017 verpflichtete die tadschikische Regierung alle Lehrerinnen, Studentinnen und Schülerinnen, mehrere Wochen um den Neujahrstag herum traditionelle Tracht zu tragen.

In den Traditionen wird der soziale Aspekt des Nouruz-Festes deutlich. Das alte Jahr soll in Harmonie, Ordnung und Sauberkeit abgeschlossen werden. Deshalb besuchen sich die Zentralasiaten gegenseitig. Sie bringen kleine Geschenke mit und verzehren gemeinsam traditionelle festliche Mahlzeiten. Ärger und Streit werden beigelegt und verziehen. Schulden werden beglichen. In den Wochen um den Neujahrstag herum kümmert man sich um hilfsbedürftige Menschen wie Alte, Kranke, Einsame und Waisenkinder. Deshalb werden Schüler und Studierende für diese Tätigkeiten vom Unterricht befreit.

Es ist demnach eine Zeit der sozialen Wärme und der moralischen Reinigung. Somit werden Herz und Geist frei für die Hoffnung auf hellere Tage und einen guten Glauben an die Zukunft. Die Kirgisen glauben, dass diese innere Reinigung verstärkt wird durch das Verbrennen von Wacholderholz (kirgisisch: „Artscha“). Der dabei entstehende Rauch ist wohltuend und verbreitet sich im ganzen Haus. Auch äußerlich wird gereinigt. Straßen, Häuser und Höfe werden gründlich von altem Schmutz befreit. Fassaden werden gestrichen und in Ordnung gebracht. Ganze Dörfer und Städte werden verschönert und begrünt.

Um die Menschen in eine positive und gelöste Stimmung zu versetzen, finden in der Zeit um das Neujahrsfest herum kulturelle Veranstaltungen. Dies sind Konzerte und Theateraufführungen. Aber ebenso sportliche Aktivitäten. Für Touristen ist es ein besonderer Höhepunkt, traditionellen Wettkämpfen beizuwohnen. Besonders erwähnenswert ist das Buzkashi (oder Kök-Börü in Kirgistan). Dies ist eine Art Polospiel, bei dem die Menschen zu Pferde um einen 35 – 40 kg schweren Ziegenkadaver kämpfen. Lesen Sie  wie atemberaubend der Besuch eines Buzkashi-Spiels für Touristen sein kann.

„Egal, wo es gefeiert wird und wie es gefeiert wird: Nouruz ist ein Fest zur Preisung des Guten und der Gerechtigkeit. Es ist eine Feier zum Sieg der Wärme über die Kälte und des Lebens über den Tod.“  So formuliert es Reza zwar vielleicht etwas pathetisch, aber durchaus passend. Denn genau das tun wir gerade. Wir verspeisen nämlich am Abend des Neujahrstages gemeinsam mit vielen anderen die „Haft Sin“ und andere persische Leckereien. Selten war ich mir so sicher, gerade zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Weitere Fragen und Informationen
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Autor: Vivien Franke